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Wiederentdeckung der Züllichauer Leichenpredigten im Geheimen Staatsarchiv PK

Ein verschollen geglaubter Bestand kann nach umfassender Verzeichnung zuständigkeitshalber an das Evangelische Zentralarchiv (EZA) in Berlin abgegeben werden.

Aufgrund ausführlicher Lebensläufe haben Leichenpredigten einen hohen Wert für die Sozial- und Medizingeschichte, aber auch für die Ahnenforschung. Umso bedauerlicher war es, dass die Züllichauer Leichenpredigten-Sammlung (VIII. HA, L – Züllichauer Leichenpredigten) jahrzehntelang als verschollen gelten musste. Jetzt konnte sie im Magazin des Geheimen Staatsarchivs PK wieder entdeckt und zu neuem Leben erweckt werden.

Die Geschichte dieser Sammlung reicht bis zurück in die 1930er Jahre. Im November 1934 gelangten die elf damals noch erhaltenen Bände mit Leichenpredigten ins Preußische Geheime Staatsarchiv – zur „notdürftigen fachgemäßen Wiederherstellung und Anfertigung von Auszügen“, wie aus den Unterlagen der Dienstregistratur des Geheimen Staatsarchivs hervorgeht. Eigentümerin der Bände war der evangelische Gemeindekirchenrat in Züllichau. Die geplanten Maßnahmen wurden zwar begonnen, aber nicht mehr zu Ende geführt; über die Wirren des Zweiten Weltkriegs und die Jahre der Deutschen Teilung gerieten die Bände in Vergessenheit. Später galten sie sogar als vermisst oder verbrannt. Erst in den Jahren 2014/15 wurden sie bei Ordnungsarbeiten im Magazin wieder aufgefunden und danach neu erschlossen. Am 13. Dezember 2018 konnte die Sammlung aus kirchlicher Provenienz zuständigkeitshalber dem EZA in Berlin übergeben werden. Dort ist diese einmalige Quelle zur Geschichte Züllichaus ab sofort für die Benutzung zugänglich.

Die Züllichauer Sammlung weist eine Besonderheit auf: Sie versammelt keine gedruckten, sondern ausschließlich handschriftliche Leichenpredigten, als deren Verfasser die Pastoren der Kirchen im Kreis Züllichau anzusehen sind. Die Personalschriften widmen sich überwiegend dem Gedenken an Handwerker, Geistliche, Bürgermeister und sonstige Bürgerinnen und Bürger in den Städten und Ortschaften des Kreises. Die Leichenpredigten folgen immer dem gleichen Aufbau: Auf den Titel der Predigt und einführende Zeilen zur Geburt der Person, ihren Eltern und Großeltern folgen Abschnitte über den Bildungsweg, die berufliche Entwicklung und die Gründung einer eigenen Familie. Weitere wichtige Element sind Bemerkungen über die Frömmigkeit der verstorbenen Person und eine ausführliche Darstellung von Krankheitsverläufen oder anderen Todesumständen. Vereinzelt werden zum Schluss Gedichte oder Grabinschriften aufgeführt.

Die chronologisch angelegten Bände umfassen insgesamt 1231 Leichenpredigten (ca. 1,1 laufende Meter Archivgut) mit einer Gesamtlaufzeit von 1672 bis 1771, denen eine einzige Predigt aus dem Jahr 1799 beigefügt wurde. Von den ursprünglich elf Bänden sind zehn nach wie vor in der Sammlung vorhanden. Ein Band, der den Zeitraum 1688-1696 abdeckt, muss jedoch als verschollen gelten.

Die archivische Bearbeitung nach der Wiederentdeckung umfasste neben konservatorischen Maßnahmen vor allem die Erschließung und Verzeichnung. Für die zehn überlieferten Bände der Züllichauer Leichenpredigten waren nämlich keinerlei Findmittel vorhanden. Bei der Erschließung wurden nun alle Personalschriften einzeln in einer Datenbank erfasst und tiefergehend erschlossen. So entstand ein nach den Namen der Verstorbenen geordnetes neues Findbuch, das auch über einen Personenindex erschlossen ist.

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