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Vor 100 Jahren: Der Kaiser dankt ab – die Republik wird ausgerufen

Unter der Schlagzeile „Abdankung des Kaisers. Thronverzicht des Kronprinzen. - Ebert zum Reichskanzler ausersehen.“ meldete der Berliner Lokal-Anzeiger am 9. November 1918 den politischen Umschwung.

Mit der vom Reichskanzler Max von Baden eigenmächtig bekannt gegebenen "Entscheidung" Wilhelms II., als Kaiser und König dem Thron zu entsagen, endete die konstitutionelle Monarchie in Deutschland. Zugleich fand damit auch die langwährende Herrschaft der Hohenzollern in Preußen ihr Ende. In Berlin herrschte bereits seit Anfang November eine Situation des politischen Umbruchs. Wie dort die letzten Tage vor der Abdankung des Kaisers aus spezifisch preußischer Sicht erlebt wurden, davon geben die im Geheimen Staatsarchiv PK aufbewahrten persönlichen Aufzeichnungen des preußischen Innenministers Bill Drews und der preußischen Offizierstochter Hedwig von Bülow ein beredtes Zeugnis.

Immer dunklere Wolken ziehen herauf – Nun geht es um den Kaiser! Nicht nur in sozialdemokratischen Blättern, auch in denen des Fortschritts der linken nationalliberalen Partei, ja sogar des Zentrums kommen immer deutlicher Stimmen zum Ausdruck, deren Ziel die Abdankung des Kaisers ist. Es handelt sich nicht nur um eine Personenfrage, es geht überhaupt um die Monarchie und damit um die Lebensfrage für unser Volk und Land.

Als Hedwig von Bülow Anfang November 1918 diese Worte schrieb, befand sich der Kaiser schon nicht mehr in Berlin. Er war bereits am 29. Oktober in das Große Hauptquartier nach Spa abgereist.
Dort kam am 1. November Wilhelm Arnold (Bill) Drews, seit dem 5. August 1917 preußischer Innenminister, an, um ihn im Auftrag des Reichskanzlers "über die ernsten Ereignisse in voller Klarheit und in vollem Umfange zu informieren." Nach Drews‘ Vortrag sagte der Kaiser:

Ich danke nicht ab. Es würde das den Pflichten, die ich als König und Nachfolger Friedrichs des Großen vor Gott, vor dem Volke und vor meinem Gewissen habe, schnurstracks zu widerlaufen. … Vor allem verbietet meine Pflicht als oberster Kriegsherr mir, jetzt meine Armee im Stich zu lassen.

Drews urteilte:

Von der unbedingten Zuverlässigkeit des Heeres im Falle innerer Unruhen war der Kaiser felsenfest überzeugt.




Aufzeichnungen Bill Drews‘
GStA PK, VI. HA Nl. Drews, Wilhelm (Bill), Nr. 159, Bl. 13

Am nächsten Morgen machte Drews in Berlin dem Vizekanzler des deutschen Reiches Friedrich Ludwig Payer und dem sozialdemokratischen Minister Philipp Scheidemann Mitteilung von seiner Unterredung mit dem Kaiser (Zitate nach Drews‘ Aufzeichnungen):

(man) müsse … zu dem Schlusse kommen, daß die Kaiserfrage jetzt auf keinen Fall weiter ausgetragen werden dürfe, so lange der Friede nicht in seinem wesentlichen Punkt festgesetzt sei: Wir machten uns längst dadurch dem Feinde gegenüber völlig wehrlos und der Bürgerkrieg im Innern, der bei einer Weigerung des Kaisers abzudanken mit Sicherheit zu gewärtigen wäre, würde vor allem auch den Stillstand unserer so schon schwer gefährdeten Volksernährung bedeuten. … Um Alles das zu verhüten, müsste (Scheidemann) die alte Socialdemokratie … dazu bewegen, die Kaiserfrage zu vertagen, bis der Friede geschlossen sei.

Thatsächlich that dann auch die alte Socialdemokratie in den nechsten Tagen in der Kaiserfrage keine entscheidenden Schritte. Erst am Dienstag 7./XI beschloß sie das bekannte Ultimatum.

Die Ereignisse an den folgenden Tagen schildert Hedwig von Bülow mit diesen Worten:

Freitag, den 8. Nov. bringt die Morgenzeitung „das Sozialdemokratische Ultimatum an den Kanzler. 5 Forderungen, darunter als schwerwiegendste: die Abdankung des Kaisers, den Thronverzicht des Kronprinzen bis morgen Mittag, andernfalls die Sozialdemokratie aus der Regierung austreten würde. Sie hält den Augenblick für gekommen va banque zu spielen und rücksichtslos und brutal ihr letztes Ziel zu erreichen. Der Standpunkt des Kaisers ist, daß er bleiben müsse und Gott schenke ihm in letzter Stunde den Mut der Entschlossenheit. … Schon liest man heute von 'Aufruhr in den nördlichen Provinzen, Bremen, Hamburg, Kiel.' … Trotz des (Generaloberst von) Linsingens Verbot soll die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten erfolgt sein. Die Sozialdemokraten verbrüdern sich mit den Unabhängigen.

Am Sonnabend den 9. früh die Meldung „über den Entschluß des Kaisers noch keine sicheren Nachrichten.“ Aber die Zeichen mehren sich, daß die Sozialdemokraten ihren Willen durchsetzen. Der Oberbefehlshaber in den Marken, Generaloberst von Linsingen, reicht seinen Abschied ein, die preußischen Minister von Waldow, Eisenhardt, Drews etc. treten zurück.

Am 9.ten Nachmittag bringen Cleves die Nachricht, daß in Berlin die rote Revolution ist, Liebknecht auf dem Schloß und Brandenburger Tor die rote Fahne hißte. Füsiliere und das Alexander Regiment gingen zum Volke über – Kaiser und Kronprinz dankten ab.“ Aller Verkehr stockt – keine Zeitung. Sonntag, den 10ten wird amtlich mitgeteilt der Rücktritt von Kaiser und Kronprinz. Welche erschütternde Trauerkunde! Deutschland geht unter durch eigene Schuld und Schande! ... – Aufruhr im ganzen Reich, …




Aufzeichnungen Hedwigs von Bülow
GStA PK, VI. HA Nl. Bülow, Hedwig von, Nr. 16, Bl. 35v

Mit dem Thronverzicht Wilhelms II. und der Ausrufung der Republik durch den Sozialdemokraten Scheidemann fand am 9. November 1918 nicht nur die Staatsform der konstitutionellen Monarchie ihr Ende, sondern die Staatsdiener des Deutschen Reiches und Preußens verloren auch das Staatsoberhaupt, dem sie ihren Treueeid geleistet hatten. Das Blatt Vorwärts veröffentlichte am 10. November den Aufruf, den der neue Reichskanzler Friedrich Ebert an alle Behörden und Beamten richtete. Er forderte sie auf, der neuen Regierung "ihre hilfreiche Hand" zu "leisten" und "dem Vaterlande durch furchtlose und unverdrossene Weiterarbeit" zu helfen.


GStA PK, Bibl. 47, 185

Freilich traten in der Verwaltung noch einzelne spezielle Fragen auf, die einer besonderen Regelung bedurften. So bestimmte das preußische Justizministerium auf eine telegrafische Anfrage aus Breslau an den Reichskanzler Ebert vom 11. November per Erlass, die bisher in der preußischen Rechtsprechung verwendete Eingangsformel "Im Namen des Königs" ganz wegzulassen.


GStA PK, I. HA Rep. 84 a Justizministerium, Nr. 4346

Der Kaiser ging am 10. November ins Exil in die Niederlande, was ihm vor allem vom Generalfeldmarschall von Hindenburg nahegelegt wurde. Dort unterzeichnete er am 28. November seine Abdankungsurkunde, in der er alle Beamten des Deutschen Reiches und Preußens sowie alle Offiziere der Marine, des preußischen Heeres und der Truppen der Bundeskontingente von dem Treueeid entband, den sie ihm als Kaiser, König und Obersten Befehlshaber geleistet hatten.


Aufzeichnungen Hedwigs von Bülow
GStA PK, VI. HA Nl. Bülow, Hedwig von, Nr. 17, Bl. 15v

Text: Ingrid Männl

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