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Die Neue Direktorin spricht: Ulrike Höroldt im Interview

Im Juli 2017 beginnt im Geheimen Staatsarchiv (GStA) in Berlin-Dahlem eine neue Ära: Nach über 20 Jahren im „preußischen“ Dienst verabschiedet sich der langjährige Direktor Jürgen Kloosterhuis in den Ruhestand. Seine Nachfolgerin wird Ulrike Höroldt, derzeit Leiterin des Landesarchivs Sachsen-Anhalt. Im Gespräch erzählt die designierte Direktorin, wie sie ihren neuen Arbeitsauftrag anzugehen gedenkt, wie sie das Geheime Staatsarchiv fit für das 21. Jahrhundert machen möchte und was uns Preußen heute noch zu sagen hat.

Frau Höroldt, wie kamen Sie eigentlich ins Archiv?
Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert und dann auch Geschichte und Germanistik studiert, und eine archivische Fachausbildung angeschlossen. Generell ist der Beruf „Archivarin“ bzw. Archivar für Historikerinnen und Historiker eine interessante Berufsperspektive, weil man sich viel mit Quellen befassen kann, also nicht fachfremd arbeitet, und im Bereich der Überlieferungsbildung und Erschließung die Quellen für die zukünftige Forschung aufbereitet und sichert. Zugleich ist die Archivkarriere planbarer als eine Universitätskarriere. Man hat die Möglichkeit, auf sehr vielfältigen Themenfelder zu arbeiten, und kann sich auch wissenschaftlich betätigen, muss es aber nicht. Ich beschäftige mich beispielsweise zur Zeit – neben meinen anderen Aufgaben – mit der Redaktion eines Tagungsbandes zu den Folgen des Wiener Kongresses 1815 für Mitteldeutschland, da die Gründung der preußischen Provinz Sachsen ein zentraler Punkt für die Landesgeschichte Sachsen-Anhalts ist.
Hinzu kommt in meinem Fall, dass mein Vater bereits Archivar war, und zwar Stadtarchivar in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. So konnte ich als Kind schon erfahren, was der Beruf des Archivars eigentlich bedeutet. Ich hatte immer den Eindruck, dass das ein befriedigender Beruf ist. Das denke ich auch heute noch, denn die meisten Archivare sind „Überzeugungstäter“. Man wird nur Archivar, wenn man ein Faible dafür hat. Und der Beruf bietet auch heute noch viele spannende Herausforderungen.

Sie sind die erste Direktorin, die das GStA je hatte. Ist das von Bedeutung?
Es sollte nicht von Bedeutung sein, aber es ist tatsächlich so, dass es im Archivwesen etwas länger gedauert hat, bis auch wichtige Führungspositionen von Frauen besetzt wurden. In den Bibliotheken ist das schon früher passiert. Inzwischen stehen aber selbst an der Spitze von großen Archivverwaltungen wie Bayern oder Niedersachsen Frauen. Von daher ist es jetzt für das GStA vielleicht der richtige Zeitpunkt.

Warum ist Archiv-Arbeit wichtig? Was haben Archive uns heute noch zu sagen?
Archiv-Arbeit ist auch heute wichtig, vielleicht sogar wichtiger denn je, denn Archive sind das Gedächtnis der Gesellschaft. Man muss ja immer wissen, wo man herkommt, wenn man wissen will, wo man hingeht. Archive sind heute auch deshalb umso wichtiger, weil durch die Digitalisierung die Gefahr eines vollständigen Verlustes von Überlieferung besteht. Denn anders als Papier sind digitale Daten ja nicht einfach so dauerhaft verfügbar. Akten aus Papier bleiben, sofern man sie nicht aktiv vernichtet, bestehen. Digitale Daten – beispielsweise auf einem Rechner belassen – sind möglicherweise schon weg, wenn der Server abgestellt wird. Oder sie gehen einfach verloren durch Wechsel von Systemen, weil digitale Daten an sich flüchtig sind. Von daher ist gerade heute die Archivarbeit umso wichtiger, um die archivwürdigen digitalen Daten langfristig zu sichern. Es gibt immer noch keine Technik, die das ohne Weiteres macht. Es gibt kein Trägermaterial, auf das man digitale Daten dauerhaft – und damit meine ich, nicht einige Jahre, sondern Jahrzehnte und Jahrhunderte - speichern kann. Vielleicht wird es das irgendwann einmal geben, im Augenblick aber nicht. Man baut heute digitale bzw. elektronische Archive so auf, dass Daten dort in einer bestimmten strukturierten Umgebung und in bestimmten Formaten abgespeichert, gehostet werden. Die Daten müssen dann aber immer wieder angefasst werden, um dauerhaft erhalten zu bleiben. Man kann die Daten nicht einfach 100 Jahre da liegen lassen, dann wäre hinterher wahrscheinlich nichts mehr da. Unsere Ottonischen Urkunden hingegen können 1000 Jahre im Magazin liegen, und sind heute noch genauso gut lesbar wie bei ihrer Entstehung. Hier liegt also eine große und spannende Aufgabe für die Archivare.

Das GStA gilt ja als das Gedächtnis Preußens. Warum sollte Preußen nicht vergessen werden?
Preußen war ja über Jahrhunderte nicht nur eine wichtige, sondern für lange Zeit sogar die maßgebliche politische Kraft in Deutschland. Mit erheblichen Auswirkungen, nicht nur auf die deutsche, sondern auch die europäische Geschichte. Wenn man Geschichte seriös betreiben will, muss man daher um Preußen und seine Geschichte wissen und dazu eben auch forschen. Das gilt für das heutige Land Sachsen-Anhalt, in dem ich ja zur Zeit bin und das auf die preußische Provinz Sachsen zurückgeht, genauso wie für das Rheinland, die ehemalige Rheinprovinz, wo ich herkomme.. Und das gilt natürlich auch für die ältere Geschichte von Gebieten, die heute nicht mehr zu Deutschland gehören, z.B. in die schlesischen Gebiete in Polen. Es gilt aber auch für die gesamtdeutsche und die gesamteuropäische Thematik v.a.des 20. Jahrhunderts, wie z.B. die Hintergründe des Ersten Weltkriegs oder die Entwicklung des Dritten Reiches.

Wo sehen Sie das GStA in fünf Jahren? Was würden Sie gern verändern?
Ich denke, es wäre etwas vermessen zu behaupten, man wisse, was man verändern will, bevor man eine Stelle überhaupt angetreten hat, oder ein Haus von Innen kennt. Veränderungen, das ist meine Überzeugung und Erfahrung, muss man mit Augenmerk vornehmen und in der Kenntnis nicht nur davon, wie die Dinge sind, sondern auch, wie es dazu gekommen ist, dass sie so sind. Und dieses Wissen habe ich natürlich noch gar nicht, da ich das GStA zwar kenne, aber bisher weitgehend aus der Außenperspektive. Zudem sollte man Veränderungen immer gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen angehen, die das Haus ja erst einmal viel besser kennen als die neue Direktorin.
Es gibt aber natürlich einige Herausforderungen der heutigen Zeit, vor der alle Archive stehen. Das ist zum einen die konservative Bestandserhaltung, also die dauerhafte Bewahrung von analogen Unterlagen wie Urkunden, Amtsbüchern, Karten, Akten. Hier ist v.a. die richtige Lagerung bei geeigneten Klimawerten grundlegend, aber auch die richtige Verpackung. Ich denke, auf diesem Feld wird auch im GStA einiges zu tun sein, und hier bringe ich einige Erfahrung mit.. Die nächste Herausforderung ist, wie gesagt, die Digitalisierung. Das betrifft auch die zunehmende Netzpräsenz, die von Archiven heute erwartet wird. Die Erwartungshaltungen der Nutzer werden diesbezüglich immer weiter gehen, und die Archive müssen versuchen, dem einigermaßen gerecht zu werden. Das ist aber natürlich davon abhängig, welche personellen und finanziellen Ressourcen man hat. Wichtig ist mir ferner auch die Unterstützung der Forschung und die Zusammenarbeit mit anderen Archiven im In- und Ausland.
Insgesamt möchte ich den Platz des GStA im deutschen Archivwesen, den es ja jetzt schon einnimmt, weiter stärken und ausbauen, und das Haus für die Herausforderungen der Zukunft fit zu machen. Grundsätzlich würde ich aber sagen, melden Sie sich vielleicht nochmal in einem Jahr, dann kann ich Ihnen Konkreteres sagen.

Was sind denn in Ihren Augen die Herausforderungen der Digitalisierung für Archive? Und was die Chancen?
Abgesehen von der besagten Gefahr von Überlieferungsverlusten liegt für die Archive die Herausforderung darin, dass zunehmend das, was nicht über das Internet recherchierbar ist, nicht mehr wahrgenommen wird. Auch nicht von der Forschung. Das heißt also, wir sind auf dem Weg dahin, dass auch seriöse Wissenschaftler als erstes im Internet nach Quellen suchen und zunehmend das nicht mehr einbezogen wird, was eben dort nicht zu finden ist. Darauf muss man reagieren. Die Chancen der Digitalisierung für die Archive liegen darin, dass Archivgut, wenn es im Internet verfügbar ist – sei es über digitale Findhilfsmittel, oder auch direkt als Digitalisat – eine ganz andere Reichweite erzielen kann, als wenn man es nur im Lesesaal für die Benutzung zugänglich macht. Archivgut wird damit auch denjenigen verfügbar, die nicht in die Archive reisen können oder wollen, oder aus sehr weiten Entfernungen auf die Dinge zugreifen möchten. Digitalisierung demokratisiert und internationalisiert die Möglichkeit der Archivnutzung also weiter, als das bereits jetzt der Fall ist. Auch wenn natürlich derzeit nur ein kleiner Teil dessen, was in einem Archiv liegt, digital zugänglich sein kann. Aber das wird sicherlich ein Feld sein, das sich in den nächsten Jahren noch erheblich ausweitet. Dabei zeigt sich allerdings das Problem, dass die Nutzung der Findhilfsmittel, aber vor allem der Archivalien selber nur möglich ist, wenn man gewisse Kenntnisse hat. Viele Leute können heute die alten Schriften nicht mehr lesen, oder ihnen fehlen die hilfswissenschaftlichen Grundkenntnisse, die man für die Auswertung braucht.Daher müssen die Archive überlegen, wie sie die Nutzer an das Archivgut heranführen und welche – auch digitalen – Möglichkeiten es gibt, die Nutzer dort zu unterstützen. Umgekehrt gibt es aber auch schon zunehmend die Möglichkeit, über Crowdsourcing digital Kenntnisse der Nutzer für die Archive nutzbar zu machen. Da gibt es sehr spannende Projekte.

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